4. September 2015

Schlaf

Von th.-m. robscheit
This entry is part 15 of 107 in the series geistliches Wort

Liebe Leserinnen und Leser, Sie kennen das Gefühl:
Schlaf, schöner wonniger warmer Schlaf im weichen Bett.
Wir haben die Augen geschlossen und träumen in unserer Welt, haben Sorgen und Freuden. Die Winterreifen müssen gewechselt werden, jetzt ist doch Sommer!
Und irgendetwas müssen wir uns mit unserem Kind einfallen lassen. Es ist viel zu unordentlich! Ja, es gibt Probleme.
Aber viele Dinge sind auch ausgesprochen schön: Draußen zwitschern Vögel. Frühstück im Garten, die leckren Brötchen. Oder abends: eine duftende Pizza, dazu ein Glas Rotwein und die milde Sommerluft. Es ist nicht richtig dunkel. Irgendwoher kommt Licht. Und in den Augen meiner Frau jenes Leuchten, das nur mir gilt. Das Leben ist schön! Wir spüren die Wärme.
Geborgenheit. Das warme, weiche Bett.
Nur manchmal, ein Alptraum schreckt uns hoch, schweißgebadet, nein, nein, nur ein Traum! Nur ein Traum, schlaf wieder ein, finde Frieden, denke nicht daran. Das leichte gleichmäßige Knacken gilt uns nicht. Man sieht schließlich nichts, auch riecht es nicht angebrannt. Und trotzdem wirkt das Knacken bedrohlich, fast wird es zum rasenden Ton einer ablaufenden Angelschnur. Wo ist der Haken?
Schlaf. Es ist nur ein Traum, nichts passiert, heute nicht, nicht gestern und auch nicht vor neunzehn Jahren. Schlaf weiter, schließe deine Augen, genieße den Duft der Pizza und ärgere Dich über die Unordnung im Kinderzimmer. Schlaf weiter! Es gibt Halbwertzeiten. Und irgendwann wird alles wieder so sein wie früher.
Wir schlafen warmen weichen Schlaf, schlafen in wolliger Wärme – bis es klopft. Zaghaft, dann immer schneller, knatternd schließlich wie ein Maschinengewehr. Und Schlafes Bruder öffnet die Tür. Dann gehen uns die Augen auf und wir sehen instabiles Jod, leichfüßige Ionen und schwerfälliges Uran. Und irgendwo im Chaos die mahnenden Schemen eines brennenden Reaktorblockes, Dienstag vor neunzehn Jahren in Tschernobyl.

Bleiben Sie munter! Ihr Pfarrer Th.-M. Robscheit
April 2005

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