6. September 2015

Schwalben

Von th.-m. robscheit
This entry is part 18 of 107 in the series geistliches Wort

Liebe Leserinnen und Leser,

man möchte es kaum glauben, der Herbst schickt seine ersten Vorboten!
„Was soll denn das jetzt werden?“, fragen Sie sich. „Es ist brütend heiß, die Sommerferien haben gerade begonnen, der ganze Urlaub liegt noch vor uns! Dieses Gerede vom Herbst, nasskalt und ungemütlich. Das wollen wir jetzt nicht hören!“
Sie haben Recht. Ich will Ihnen auch nicht den Appetit verderben. Der Sommer ist richtig schön warm, Badewetter. Und trotzdem: der Herbst schickt seine ersten Boten. Gestern habe ich sie gesehen, bei uns auf dem Hof, auf dem Korb des Baskettballspieles saßen sie: sechs flügge gewordene Schwalben. Später haben sie ihre Kreise gezogen, am Abend flogen sie wieder in unsere Garage und machten ihren üblichen Dreck.
Es wird nicht mehr lange dauern und sie sammeln sich auf Telefonleitungen und kehren uns den Rücken, machen sich dorthin auf den Weg, wo es genügend Nahrung gibt. Mich überfällt Wehmut, wenn ich daran denke, dass dieses sonnige Wetter dann vorbei sein wird.

„Jetzt hören Sie aber auf! Wir wollen das jetzt nicht hören! Es ist doch gerade alles so schön! Und außerdem wissen wir ja, dass es nicht immer so weitergehen wird.“ – mit diesen Worten, die Sie jetzt vielleicht gedacht haben, werden immer wieder die Mahner und Propheten zur Ruhe gebracht. Unangenehme Wahrheiten wollen wir nicht zur Kenntnis nehmen. Und schon gar nicht, wenn wir womöglich an ihnen selber Schuld sind. Immerwieder hören wir die Stimmen, die mahnen, es muß auf dieser Welt gerechter zugehen, es kann nicht sein, dass wir hier wie die Maden im Speck leben (und das trifft auf fast jeden legal in Europa Lebenden zu!) und gleichzeitig verhungern oder verdursten Menschen auf dieser Welt. Flüchtlinge, die zu Hunderten vor Spanien stranden (und wir können nur erahnen, wie viele Kinder, Frauen und Männer auf dem Weg durch die Sahara oder deren Randgebiete verdurstet sind). Wir wollen das nicht sehen, weg mit ihnen! Wir verdrängen, diese Boten kommenden Unheils. Filme wie „Der Marsch“, in denen genau das vorhergesagt wurde, ignorieren wir geflissentlich, wie soll man sein Gewissen sonst wieder beruhigen?
Hin und wieder nehmen wir wahr, wie egoistisch wir leben, haben heilig Abend ein schlechtes Gewissen und manche von uns spenden wenigstens 100,- oder 200,- €, damit irgendwo eine Hoffnungspflanze keimen und wachsen kann. Doch dann ist uns das Hemd wieder näher als die Jacke. „Ist doch weit weg.“, damit verdrängen wir die unterschwellige Angst, die uns zu befallen droht. Doch die Bedrohung unserer Lebensweise kommt näher und näher. Ein wirklich explodierender Ölpreis würde für viele von uns bedeuten, im Winter frieren zu müssen. Doch das will keiner hören, schließlich ist Sommer und wir leiden unter der Hitze!
Wehmütig beobachte ich die Schwalben, wenn´s hier immer unwirtlicher, kälter und eisiger wird, fliegen sie nach Süden, dorthin, woher die Armut nun zu uns drängt.

Ihr Thomas-M. Robscheit; Pfarrer in Kapellendorf
Juli 2007

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