26. Oktober 2015

Ohne Identität?

Von th.-m. robscheit
This entry is part 75 of 107 in the series geistliches Wort

Ohne Identitästnachweis nach Deutschland einreisen – „Schon wieder Flüchtlinge!“, werden Sie, liebe Leserinnen & Leser jetzt vielleicht stöhnen. Aber Halt! Es geht um keine Flüchtlinge! Es geht um mich & natürlich auch um Sie!
Die Älteren unter Ihnen werden sich noch erinnern können, mit welchem Unbehagen man vor den wenigen passierbaren Grenzen der DDR gewartet hat: Zig mal überprüft, ob man alles dabei hat, dennoch die Angst, irgendetwas könnte passieren. Vielleicht weil man komisch guckt, oder der Zöllner gerade Ärger mit seinen Kindern hatte, es regnete oder gar die Sonne schien. Kennen Sie das Gefühl noch?
Können Sie sich vorstellen, wie es mir ging: Vor zwei Wochen habe ich in Italien plötzlich festgestellt, dass ich keine Papiere dabei hatte. Und ich wußte, dass in Bayern bei der Einreise kontrolliert werden würde. Ohne Identitätsnachweis an der Grenze! Wer bin ich? Bin ich in den Augen der Behörde überhaupt da?
Wieviel entspannter ist es da doch Gott gegenüber! Da brauchen wir keinen Ausweis, kein Zeugnis, da reicht es Mensch zu sein, es gilt Gottes Zusage: „Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein!“ Vor Gott können wir unsere Identität nicht verlieren & wir brauchen sie nicht zu beweisen.
„Und an der Grenze, was war da?“, werden Sie vielleicht fragen. Zunächst langes Warten im Stau. Ein mulmiges Gefühl, aber keine Angst. Vermischt mit Dankbarkeit, in einem Land leben zu dürfen, in dem Menschlichkeit ein Ideal ist und die Würde des Menschen vor allen Gesetzen kommt. „Irgendwie wird es schon gehen!“, versuche ich mich zu beruhigen. Dann schließlich der Grenzbeamte, frierend auf der halbseitig gesperrten Autobahn. Er schaut ins Auto, blickt mich an und winkt uns durch. Wer ihn wohl bewogen hat, so zu handeln?
Ihr Pfr. Th.-M. Robscheit

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